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Gedichtvergleich: Abend
Interpretieren Sie das Gedicht ,Abend' von Andreas Gryphius (1616-1664) und vergleichen Sie es nach Gehalt und Form mit ,Der Einsiedler' von Joseph von Eichendorff (1788-1857)!



Andreas Gryphius
Abend


1 Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn
2 Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen
3 Verlassen Feld und Werk; wo Tier’ und Vögel waren,
4 Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

5 Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.
6 Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren
7 Ich, du und was man hat und was man sieht, hinfahren.
8 Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

9 Lass, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,
10 Lass mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!
11 Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

12 Lass, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,
13 Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,
14 So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

zu V. 5: Port = Hafen; ‚der Glieder’ ergänze: des Körpers
zu V. 9 gleiten = ausgleiten
Joseph von Eichendorff
Der Einsiedler


1 Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
2 Wie steigst du von den Bergen sacht,
3 Die Lüfte alle schlafen,
4 Ein Schiffer nur noch, wandermüd,
5 Singt übers Meer sein Abendlied
6 Zu Gottes Lob im Hafen.

7 Die Jahre wie die Wolken gehn
8 Und lassen mich hier einsam stehn,
9 Die Welt hat mich vergessen;
10 Da tratst du wunderbar zu mir,
11 Wenn ich beim Waldesrauschen hier
12 Gedankenvoll gesessen.

13 O Trost der Welt, du stille Nacht!
14 Der Tag hat mich so müd gemacht,
15 Das weite Meer schon dunkelt,
16 Lass ausruhn mich von Lust und Not,
17 Bis dass das ewge Morgenrot
18 Den stillen Wald durchfunkelt.


Lösungsvorschlag

Das Sonett ‚Abend’ von Andreas Gryphius hat das für die Barockzeit typische Versmaß des Alexandriners, des sechshebigen alternierenden Verses mit Auftakt und einem Einschnitt nach der dritten Hebung, also in der Mitte des Verses.

Diesem metrischen Einschnitt entspricht oft ein inhaltlicher, und oft findet man in den so entstandenen zwei Hälften eines Verses antithetische Formulierungen; so im ersten Vers des ersten Quartetts: die Gegensätze Tag und Nacht werden in diesem einen Vers zusammengefasst und als vergangen bzw. aufkommend charakterisiert. Der Gegensatz bestimmt auch noch den zweiten Vers (das Aufgehen der Sterne - das Verlassen von Feld und Werk), doch wird die Spannung des Gegensätzlichen im Folgenden kaum mehr aufgegriffen; die Syntax folgt zwar genau der Zweiteilung der Verse, doch wird nur ein- und dasselbe aufgezählt: müde Menschen, traurige Verlassenheit, Einsamkeit; und die Aufzählung gipfelt in der Zusammenfassung: die Zeit ist vertan.

Das zweite Quartett greift das Bild vom Vergehen des schnellen Tags auf (gleich wie dies Licht verfiel) und deutet es als Gleichnis für das Leben des Menschen, das durch Vergänglichkeit bestimmt ist - wieder in einem Vergleich: das Leben wird als Schiff-Fahrt gesehen und der Hafen als sein Ende, und nun kommt - so sagt es ohne Zäsur, im Rhythmus also das unaufhaltsame Nahen des Hafens andeutend, der erste Vers des zweiten Quartetts - das Ende auf den Menschen zu, und zwar sehr schnell (in wenig Jahren): die Bilder des Hinfahrens (V. 7) und der Rennebahn (V. 8) machen es sehr anschaulich; ‚anschaulich’ gemacht wird das Drängen auf das Ende hin auch durch das Enjambement von V. 6 zu V. 7; es entsteht ein weiter Bogen von so wird bis zu hinfahren, der in einem Atem und darum voll drängender Spannung gelesen werden muss.

Nicht nur das lyrische Ich (hervorgehoben durch die schwebende Betonung/Synkope zu Beginn von V. 7) ist betroffen vom schnellen Vergehen, auch das angesprochene Du und alles, was man hat und was man sieht; die gesamte Welt ist durch Vergänglichkeit charakterisiert.

Die beiden Quartette bilden durch die Vierzahl der Verse und den verbindenden Reim (abba/abba) eine Einheit: beide sprechen sie von der Vergänglichkeit des Lebens allgemein und von der bedrückenden Erfahrung, die der Einzelne mit dem schnellen Vergehen hat (charakteristisches Adjektiv: müde, charakteristisches Substantiv: Einsamkeit, charakteristische Verben bzw. Partizipien: trauren, vertan, verfallen, hinfahren).

In den beiden nächsten Strophen, den Terzetten, die durch die Verszahl, den Paarreim und durch die Reimworte 'mir/dir' zu einer Einheit verknüpft sind (ccd/eed), wendet sich das Ich aus dieser Erfahrung heraus Gott zu, den es anspricht mit höchster Gott; der Darstellung der Vergänglichkeit entspricht das Gebet um Rettung in dieser Vergänglichkeit: Gott, der über dieser Vergänglichkeit steht (ewig heller Glanz), soll dem Betenden Maßstab sein und ihn erleuchten, dass er in der Eile, mit der er sein Leben durchläuft, nicht strauchelt. Es folgt die Anhäufung der Gefahren, die ihn straucheln lassen können, unverbunden aneinandergereiht und chiastisch verknüpft (Ach, Pracht, Lust, Angst), durch die viermalige Wiederholung des nicht wie gewaltige Hindernisse hingestellt - die Substantivierung des Ach betont noch dieses Gewalttätige: der Mensch ruft auf und wehrt ab die Verführungen durch Unglück (der Mensch könnte in Jammer und Elend verzagen und verzweifeln) und durch Glück (der Mensch könnte dem Übermut und Hochmut erliegen).

Die Gefährdung durch das Verzagtsein scheint größer zu sein als die durch Pracht und Lust. Ein Leben im Dreißigjährigen Krieg war ein Leben in Jammer und Elend und die barocke Pracht jener Zeit nur die Kehrseite dieses Elends: eine sinnlose Flucht in die Ablenkung von diesem Jammer, eine Flucht, die sich die meisten gar nicht leisten konnten und zu der Menschen wie Gryphius auch nicht gestimmt waren. So wird im letzten Terzett das müde wieder aufgegriffen: in der ersten Strophe war der Mensch vom Tagwerk müde und erschöpft, jetzt zeigt sich, dass dieses Tagwerk ein Sinnbild ist für das Werk des gesamten Lebens, das hinzielt auf den letzten Tag. Not und Elend des Lebens werden ein Ende haben und aufgehen in dem ewigen Glanz Gottes, der im Jenseits, wenn der Leib entschlafen ist und nur die Seele noch wacht, den Menschen für immer dem Tal der Finsternis entreißt. Ein letztes Drängen des Ich zum Ende hin, nun ein hoffnungsvolles Sich-Sehnen, das den Rhythmus des vorletzten Verses weit spannen lässt; und dann die Entspannung, das Ausatmen des zur Ruhe gekommenen Ich im letzten Vers: mit der Pause hinter dem dir ist der Schlusspunkt gesetzt. Und dieses dir, der vertrauensvoll angesprochene Gott, ist das letzte Wort des Sonetts, so wie dieser Gott Endpunkt und Ziel allen Lebens ist. Aber dicht daneben steht mit der Metapher vom Tal der Finsternis der Hinweis auf das menschliche Elend, das den Menschen so überwältigt, dass er sich die Befreiung nur als gewaltsames Tun vorstellen kann, wie es in dem Wort 'reißen' anklingt.

Im Vergleich der beiden Gedichte, Gryphius’ ‚Abend’ und Eichendorffs ‚Der Einsiedler’ fällt ins Auge: Eichendorffs Vers Der Tag hat mich so müd gemacht und das wandermüd von V. 4 entsprechen den müden Scharen der Menschen und dem müden Leib bei Gryphius. Aber schon beim ersten Lesen wird ein wesentlicher Unterschied deutlich: im Rhythmus des Sprechens; bei Gryphius war es die Anspannung des langen Alexandriners, hier bei Eichendorff ist das Sprechen ruhig und gelassen. Die Ruhe und Gelassenheit ergibt sich durch die Kürze der Verse (vier Takte statt sechs bei Gryphius) und vor allem durch den Ruhepunkt, der jeweils nach dem dritten und sechsten Vers gegeben ist durch die Kürzung auf drei Takte (Der Reim verklammert die beiden Teile der Strophe, die sonst auseinanderfallen würden.). Bei Gryphius entsteht die Anspannung auch durch die kunstvolle Form des Sonetts, durch das strophenübergreifende Reimschema; dagegen steht die schlichte Gestaltung bei Eichendorff: drei gleich gebaute Strophen, Gelassenheit selbst beim Reimen: ‚müd’ und ‚Lied’ sind lediglich Assonanzen, keine reinen Reime.

Und so auch der Inhalt: bei Gryphius schwingt (die Nacht) ihre Fahn/Und führt die Sternen auf, ein kriegerisches Bild, das den Sieg der Nacht über den Tag andeutet; bei Eichendorff heißt es stille Nacht, die sacht (V.2) von den Bergen steigt und die als Trost der Welt apostrophiert wird (die Nacht ist dem Ich so lieb und vertraut, dass es sie anspricht). Sacht kommt sie, nicht mit schwingenden Fahnen, und wenn sie da ist, traurt nicht Einsamkeit, sondern sie ist erfüllt von einem ... Abendlied/Zu Gottes Lob ... .

Die Nacht ist also nicht Symbol des traurigen Endes eines traurigen Lebens, sondern wunderbarer Trost in der Einsamkeit des Lebens, sie ist das Ausruhen von Lust und Not - auch hier das Gegensatzpaar wie bei Gryphius; doch dessen Lust und Angst sind Verführungen, vor denen Gott bewahren muss, damit der Mensch das ewige Leben erhalten kann. Bei Eichendorff sind Lust (im Unterschied zu Gryphius ein positiver Begriff) und Not die notwendigen Erfahrungen des Lebens, die nicht zu meiden sind, weil sie unvermeidlich mit dem Leben mitgegeben sind, die aber müde machen und die Ruhe herbeisehnen lassen, wenn man sich gelöst hat von dem Treiben der Welt wie der Schiffer, der im Hafen seine Ruhe gefunden hat, oder das Treiben der Welt sich vom Menschen gelöst hat, die Welt ihn vergessen hat: Die Jahre wie die Wolken gehn/Und lassen mich hier einsam stehn,.

Auch bei diesem Bild gibt es eine Parallele zu Gryphius: gemeinsam ist der Blick auf die Vergänglichkeit. Aber welch ein Unterschied trotzdem: bei Gryphius wird die Vergänglichkeit im Bild der Rennebahn, des 'Laufplatzes', auf dem man stürzen kann, symbolisiert, bei Eichendorff im Bild der gleitenden Wolken. Auch hier die Gelassenheit des an sein Ende gekommenen Menschen, der mit der Menschenwelt fertig ist und als Einsiedler sich dem Trost der Natur, des stillen Walds, des für die Romantik so bezeichnenden Waldesrauschens, der Berge, der Lüfte, des weiten Meers hingibt; und diesen Trost findet er so sehr, dass er in Ruhe seinen Tod abwarten kann in der Hoffnung auf das ewge Morgenrot, dem ewig hellen Glanz des Gryphius entsprechend. Er weiß schon, dass seiner Bitte lass ausruhn mich entsprochen ist, während Gryphius es nicht um Ruhe geht (lass ... die Seele wachen), sondern - schon an der Verstärkung durch die anaphorische Wiederholung erkennbar - um Hilfe im Leben und Erlösung aus dem Tal der Finsternis.



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