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4. Klassenarbeit 9c am 04.04.2000

Berhard Schlink, Der Vorleser
2 Unterrichtsstunden

Stelle dar und erläutere
1. wie wichtig es Hanna ist, ihren Analphabetismus zu verbergen, und warum es ihr so wichtig ist, (Beziehe dich dabei vor allem auf Kapitel 10 und 11 des 2. Teils!)

2. wie einzelne Stationen
a) ihrer Beziehung zu Michael (im 1. Teil),
b) ihres Wechsels zur SS,
c) des Prozesses
von diesem Analphabetismus bestimmt sind,

3. welche Entscheidung bezüglich des Prozesses Michael Berg treffen muss, als er Hannas Analphabetismus entdeckt, und wie er seine Entscheidung begründet,

4. (als Zusatz) ob du Hannas Analphabetismus für eine zureichende Entschuldigung ihres Handelns hältst!

zu 1.
Im dritten Teil des Romans, als der Erzähler erfährt, dass Hanna schreiben gelernt hat, blickt er traurig auf ihr Leben zurück; für ihn ist dieses Leben auch wegen des Analphabetismus ein verfehltes Leben (III,6), da Analphabetismus die Ursache ist für Hilflosigkeit, Ängstlichkeit und Unmündigkeit und für daraus resultierende falsche Entscheidungen, die ihr Leben geprägt haben.
Und weil der Erzähler an Hanna erfahren und auch in der Literatur über dieses Thema gelesen hat, wie sehr dieser Mangel ein Leben misslingen lassen kann, und weil er sich auch fragt: Was hatte sie von dieser verlogenen Selbstdarstellung ... Mit der Energie, mit der sie ihre Lebenslüge aufrechterhielt, hätte sie längst lesen und schreiben lernen können (II,11), stellt sich die Frage um so dringlicher, warum Hanna bei dieser Lebenslüge bleibt und ihr Leben durch diese Lüge noch mehr zerstört, indem sie zur Verbrecherin wird bzw. im Prozess sich als die Hauptschuldige darstellen lässt.
Als erste Antwort auf dieses ‚warum‘ wird im Roman die Angst vor der Bloßstellung genannt, die Scham, diese für die meisten selbstverständliche kulturelle Fertigkeit nicht zu beherrschen, zu den Außenseitern der Gesellschaft zu gehören. (Aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin die Bloßstellung als Verbrecherin? Aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin das Verbrechen?... wieso statt der harmlosen Bloßstellung als Analphabetin die furchtbare als Verbrecherin?). Der Erzähler setzt hier noch Fragezeichen; trotzdem ist es eigentlich fraglos klar, dass ihr gesamtes Verhalten vor Gericht vor allem von dieser Angst vor Bloßstellung bestimmt ist: Sie kalkulierte und taktierte nicht. Sie akzeptierte, dass sie zur Rechenschaft gezogen wurde, wollte nur nicht überdies bloßgestellt werden. ... kämpfte um ihre Wahrheit, ihre Gerechtigkeit ... hatte immer gekämpft, nicht um zu zeigen, was sie kann, sondern um zu verbergen, was sie nicht kann. Den Preis der Bloßstellung als Analphabetin will sie nicht zahlen, auch nicht für ein paar Gefängnisjahre.
Ein zweiter Grund neben der Scham wird nur angedeutet: dass es nämlich Eitelkeit und Bosheit sei, für das Vermeiden einer Bloßstellung zur Verbrecherin zu werden.
Diese Angst vor der Bloßstellung ist – wegen des Drucks der Gesellschaft oder aus Eitelkeit - offenbar so groß, dass man eher sein Leben riskiert als diese Schwäche zuzugeben, wie Schlink durch andere Beispiele zu verdeutlichen versucht. Er spricht von einem Drogensüchtigen, der operiert werden soll und aus Scham seine Drogenabhängigkeit dem Anästhesisten nicht offenbart, obwohl er weiß, dass die Anästhesie sich nicht mit den Drogen verträgt.

zu 2. a)
Zunächst sind es Kleinigkeiten, die auf Hannas Analphabetismus hinweisen: sie fragt nach Michaels Namen, obwohl der Name auf seinen Schulheften steht, die auf dem Tisch liegen. Als sie Michael bittet, ihr vorzulesen, weicht er aus und meint, sie solle selbst lesen. Da findet sie die Ausrede: Du hast so eine schöne Stimme. Auf die ein, zwei langen Briefe, die Michael schreibt, reagiert sie nicht. Michael muss die Strecke der Fahrradtour, die sie in den Osterferien gemeinsam machen, alleine planen und allein die richtigen Richtungen finden, auch sich in den Gaststätten eintragen, die Speisen aussuchen; ihre Ausrede: Ich mag’s, mich mal um nichts zu kümmern. (14)
Diese beiläufigen Ausflüchte und Lügen, in die Hanna sich flüchten muss, beeinträchtigten die Beziehung der beiden nicht. Dass Hanna ihn aber mit dem Riemen schlägt, als er ihr auf dieser Fahrradtour eine Nachricht hinterlegt hatte, dass er bald zurückkomme, beweist, wie sehr es sie mitnimmt, dass sie diese Nachricht nicht lesen kann, wie aggressiv sie deswegen werden kann und wie verzweifelt.
Michael kennt eine solche Scham als Grund für ausweichendes, abwehrendes, verbergendes und verstellendes, auch verletzendes Verhalten und versteht deshalb Hanna, als er sich an diese Situationen erinnert. Er versteht nun auch den Druck, der sie aufs äußerste quälte ... ihre Hilflosigkeit (S. 76), die erklärt, dass sie aus Angst vor der Bloßstellung die vorgeschlagene Beförderung bei der Straßenbahn nicht annimmt und darum die Stadt verlässt und somit auch die Beziehung zu Michael beendet.

zu 2. b)
Diese Zwangslage ist eine Wiederholung jener, in der sie sich befindet, als sie bei Siemens befördert werden soll; die Angst vor der Bloßstellung, die die Folge dieses Beförderungsvorschlags wäre, lässt sie zur SS als KZ-Aufseherin gehen. Und wenn der Richter meint, sie sei doch wohl zur SS gegangen sei, obwohl Ihnen bei Siemens eine Stelle als Vorarbeiterin angeboten worden war, also mit Bedacht und ohne Not, korrigiert sie ihn nicht mit dem Hinweis, sie sei zur SS gegangen, weil ihr die Stelle angeboten worden, dass dies gerade ihre Not gewesen sei. Auf was sie sich einließ, als sie zur SS ging, wusste sie möglicherweise nicht so recht, da sie als Analphabetin nicht über genügend Informationen verfügte.

zu 2. c)
Beim Prozess wird der Analphabetismus für Hanna zur Katastrophe. Diese beginnt damit, dass Hanna auf Vorladungen und andere Schreiben der Justiz nicht reagiert. Entscheidend ist auch, dass sie die Anklageschrift nicht kannte und auch nicht das Buch der ‚Tochter‘, auf das die Anklage sich bezieht, eben weil sie es nicht lesen kann.
Sie hatte unterschrieben, dass sie den Schlüssel zur Kirche gehabt hat, offenbar ohne zu wissen, was sie unterschrieben hat, denn im Verlauf des Prozesses sagt sie aus, dass die Schlüssel von außen auf den Türen gesteckt hätten – was glaubhaft klingt, da Hanna auch sonst während des Prozesses sich völlig glaubwürdig verhält.
Auch dass sie sich von schwachen und zarten jungen Mädchen vorlesen lies, bevor sie sie zum Vergasen auswählte, wird ihr zum Nachteil ausgelegt; sie habe, so wird zunächst jedenfalls unterstellt, erotische Beziehungen zu ihnen gehabt und nach Auschwitz geschickt, wenn Sie ihrer überdrüssig waren.
Zwar berichtet die ‚Tochter‘, dass Hanna sich von ihnen vorlesen ließ und dass sie dafür sorgte, dass sie nicht arbeiten mussten; und Michael unterstellt ihr, dass sie den Mädchen den letzten Monat erträglich machen wollte. Aber er denkt auch, dass sie auf diese Weise erreichen wollte, nicht als Analphabetin bloßgestellt zu werden. Darum habe sie sich die Schwachen ausgesucht, damit sie diese nach einiger Zeit des Vorlesens nach Auschwitz schicken konnte.
Bei dem Richter und den Schöffen wird jedenfalls eine Irritation wegen Hannas Verhalten zurückgeblieben sein.
Prozessentscheidend ist die Art, wie Hanna durch ihren Analphabetismus als Hauptschuldige beim Tod der in der brennenden Kirche Gefangenen angesehen wird. Als es darum geht, dass der Bericht, der über diese Ereignisse geschrieben worden war, die Angeklagten möglicherweise belastete (Die zurückgebliebenen Aufseherinnen hatten, so las es sich, den Brand in der Kirche toben lassen und die Türen der Kirchen geschlossen gehalten.) behaupten die Mitangeklagten, der Bericht sei von Hanna gefälscht, weil sie an allem schuld (sei), sie allein, und mit dem Bericht hat sie das vertuschen und uns reinziehen wollen (II,7).
Zunächst antwortet Hanna – was wohl die Wahrheit ist: Wir haben uns zusammen überlegt, was wir schreiben (133). Aber als durch Schriftvergleich herausgefunden werden soll, ob Hanna den Bericht geschrieben hat, ist Hanna alarmiert, und sagt, sie habe ihn geschrieben; so lässt sie sich aus Angst, dass ihr Analphabetismus entdeckt wird, zur Anführerin und Hauptschuldigen machen.

zu 3.
Auf Spaziergängen entwickelt sich bei Michael die Erkenntnis, dass Hanna nicht lesen und schreiben kann (II,10) und er steht vor der Entscheidung, dem Richter diese Erkenntnis mitzuteilen oder wenigstens mit Hanna zu sprechen und sie dahin zu bringen, auf diese verderbliche Selbstdarstellung zu verzichten. Mit dem Richter spricht er nicht über den Fall und ist dankbar, dass der Vater ihm dafür das Argument gibt, man dürfe nicht, vor allem bei Erwachsenen, das, was ein anderer für sie für gut hält, über das setzen, was sie selbst für sich für gut halten (II,12). Mit Hanna spricht er nicht, weil er sich fragt: Konnte ich ihr ihre Lebenslüge wegnehmen, ohne ihr eine Lebensperspektive zu eröffnen (II,12), vor allem aber, weil er nicht weiß, wie er ihr gegenübertreten soll, weil er nicht sicher ist, ob sie ihn nicht getäuscht oder sogar benutzt (153) hat.

zu 4.
Das Handeln, das durch den Analphabetismus entschuldigt werden könnte, muss unter drei Aspekten gesehen werden: Wie Hanna sich erstens gegenüber anderen schuldig macht, gegenüber Michael, als sie ihn schlägt; wie sie sich zweitens gegenüber den Normen der Gesellschaft schuldig macht, als sie KZ-Aufseherin wird, und drittens, wie sie sich gegenüber sich selber schuldig macht, indem sie sich unzureichend verteidigt.



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